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Dankt Gott
für den Brokkoli! (Predigt zu Römer 15,7-13)
Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben
wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob
wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn
Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über
Tote und Lebende.
Wie kannst also du deinen Bruder richten? Und du, wie kannst du deinen
Bruder verachten? Wir werden doch alle vor dem Richterstuhl Gottes
stehen. Denn es heißt in der Schrift: So wahr ich lebe, spricht
der Herr, vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird Gott
preisen. Also wird jeder von uns vor Gott Rechenschaft über sich
selbst ablegen. Daher wollen wir uns nicht mehr gegenseitig richten.
Achtet vielmehr darauf, dem Bruder keinen Anstoß zu geben und ihn
nicht zu Fall zu bringen.
Liebe Schwestern! Liebe Brüder!
Ich werde heute keine Abschiedspredigt halten. Zum einen bin ich ja
noch ein paar Wochen da und ich werde noch einige Predigten auf dem
Bezirk halten. Und zum anderen möchte ich unseren Abschied
nicht unbedingt zum Thema einer Predigt machen.
Als Text für die heutige Predigt habe ich mir deshalb den ganz
normalen Predigttext heraus gesucht, der laut Perikopenordnung am
heutigen Sonntag dran ist. Sie haben ihn vorher schon in der
Schriftlesung gehört.
Die Kernaussage dieses Textes aus Römer 14 ist: Christus ist
für uns alle gestorben. Wenn das wirklich so ist, dann sollen und
können wir uns nicht mehr gegenseitig verurteilen und verachten.
Das Urteil über andere und auch über uns selbst dürfen
wir getrost Gott überlassen.
Nicht gerade ein Text der sich anbietet für solch einen Fest- und
Familiengottesdienst. Nicht gerade ein Text, der in die
Abschiedssituation hineinpasst. Denn beim Abschiednehmen sieht man ja
vielleicht manches doch etwas gelassener und nachsichtiger. Da will man
nicht solche gewichtigen Ermahnungen loswerden.
Und trotzdem spricht gerade dieser Text etwas an, das mir in den
vergangenen vier Jahren hier auf dem Bezirk wichtig geworden ist: Lasst
Gott urteilen und richtet euch nicht gegenseitig!
Nachdem einmal ein Pastor eine Predigt über geistliche Gaben
gehalten hatte, kam nach dem Gottesdienst eine Frau auf ihn zu und
sprach ihn ganz begeistert an. „Herr Pastor, ich weiß jetzt
endlich welche geistliche Gabe ich von Gott bekommen habe. Ich habe die
Gabe der Kritik.“
Der Pastor kannte die Frau recht gut und schaute sie nachdenklich an.
„Erinnern sie sich an das Gleichnis von dem Knecht, dem sein Herr nur
ein einziges Talent Silbergeld anvertraut hatte? Wissen sie was er
damit getan hat?“ „Ja,“ antwortete die Frau „er ging hin und vergrub
es.“ Mit einem Grinsen im Gesicht sagte der Pastor: „So gehe hin und
tue dasselbe!“
Das würde so manchem von uns gut tun – wenn wir die vermeintliche
Gabe der Kritik vergraben würden... Ich kenne nicht viele
Menschen, die wirklich diese Gabe haben: Andere konstruktiv zu
kritisieren. Andere nicht mit Besserwisserei und Vorurteilen schlecht
zu machen, sondern ganz persönlich und in der Sache gezielt zu
Hilfestellung geben.
Bei uns geschieht Kritik oft nicht im persönlichen Gespräch
sondern hinter dem Rücken der Betroffenen. Wir kritisieren oft
nicht die Sache, sondern die Person. Bei uns dient die Kritik oft nicht
der Hilfestellung, sondern sie wird zum Urteil und zur Verurteilung.
Aber das ist nichts Neues unter der Sonne. Schon die Christen in Rom
kämpften im 1. Jahrhundert mit verletzender Kritik und
Verurteilungen. Da gab es in der Gemeinde einige, die ihren Glauben
sehr ernsthaft, aber auch sehr ängstlich lebten. Sie aßen
kein Fleisch, weil sie Angst hatten sich zu verunreinigen. Sei es
dadurch, dass manches Fleisch von Götzenopfern stammen könnte
oder sei es dadurch, dass die Tiere nicht koscher geschlachtet wurden.
Paulus nennt sie im Römerbrief die Schwachen, weil sie sich zwar
für stark hielten, aber in Wirklichkeit einen schwachen Glauben
hatten, der Gott nicht sehr viel zutraut.
Auf der anderen Seite gab es Christen, die keinerlei Probleme damit
hatten, Fleisch zu essen. Für sie war klar, dass man sich als
Christ nicht durch solche Äußerlichkeiten verunreinigen
konnte. Paulus nennt diese Christen die Starken.
Nun war das an für sich noch kein Problem – es kann ja jeder essen
was er will. Problematisch wurde es, als man anfing einander zu
kritisieren und die anderen zu verurteilen. Die Schwachen verurteilten
die Starken, weil diese sich ihrer Meinung nach nicht an die Gebote
Gottes hielten. Und die Starken schauten verächtlich auf die
Gemüsseesser herab, weil sie ihren Glauben so ängstlich
lebten.
Und was sagt Paulus dazu? Auf welche Seite schlägt er sich? Man
muss sagen: Theologisch ist es für Paulus eine ganz klare Sache:
Christus hat uns befreit von solcher äußerlichen Sorge um
Unreinheit. Für Paulus ist es klar: Ein Mensch, der zu Christus
gehört kann sich selbst durch Götzenopferfleich, das er
unwissentlich zu sich nimmt, nicht verunreinigt werden. Im Brief an die
Römer vertritt er seine Meinung auch deutlich.
Aber zugleich nimmt er nicht Partei für die eine oder andere
Seite. Er redet beiden Seiten ins Gewissen: Die Schwachen sollen die
Starken nicht verurteilen und umgekehrt sollen diese den Vorsichtigen
keinen Grund zum Anstoß geben. Es geht nicht um das Rechthaben
wollen sondern um das Rücksicht nehmen.
Und er spricht dann ein wahrhaft salomonisches Urteil aus: „Wer Fleisch
ißt, tut es zur Ehre des Herrn; denn er dankt Gott dabei. Wer
kein Fleisch ißt, unterläßt es zur Ehre des Herrn, und
auch er dankt Gott.“ (Röm.14,6)
Man kann das auch folgendermaßen formulieren: Wenn du Fleisch
isst, dann iss es zur Ehre Gottes und danke Gott für dein Steak.
Und wenn du Vegetarier bist, dann iss dein Gemüse zur Ehre Gottes
und danke Gott für den Brokkoli!
Lass doch den anderen anders sein. Solange es nicht um das Zentrum des
Glaubens geht, ist das nicht so wichtig. Lass doch den anderen in Ruhe
seinen Brokkoli essen. Und genauso sollst du auch dein Steak
genießen können. Wichtig ist, dass wir bei allem was wir tun
Gott die Ehre geben.
Ich gehe einmal davon aus, dass das mit dem Brokkoli und dem Steak
heutzutage kein so großes Problem mehr ist. Dafür
können sie gerne andere Dinge einsetzen, um die heute gestritten
wird und weswegen wir heute andere verurteilen und verachten. Das kann
sich jeder für sich selbst überlegen: Was ist das Steak, das
du anderen Christen nicht gönnst? Die Freiheit, die sich andere
nehmen und bei der du denkst: Darf man das als Christ? Und was ist der
Brokkoli, auf den du bei anderen verächtlich herab schaust? Die
Vorsicht und Gewissenhaftigkeit, die dir gesetzlich und
kleingläubig vorkommt.
Wir sind nun einmal unterschiedlich. Die Tuninger sind anders als die
Schwenninger, und die Schwenninger wieder anders als die Trossingern.
Und in allen drei Gemeinden gibt es wieder die unterschiedlichsten
Menschen mit den unterschiedlichsten Charaktern und mit den
unterschiedlichsten Vorlieben. Jeder lebt sein Glauben wieder ein
Stück weit anders. Und jeder geht an die ganz alltägliche und
praktische Gemeindearbeit anders heran. Die einen stehen mehr auf ein
deftiges Steak und die anderen mehr auf einen gesunden
Brokkoli-Auflauf.
Wenn wir uns bei all unserer Unterschiedlichkeit nach menschlichen
Maßstäben richten, dann wird es immer wieder zu Streit und
Trennung kommen. Wenn wir uns in unserer Unterschiedlichkeit aber an
Christus ausrichten, dann kann genau diese Verschiedenheit helfen, um
aneinander zu wachsen und um mehr Menschen für Gott zu erreichen.
Natürlich dürfen wir die Unterschiede auch ansprechen. Und
natürlich dürfen wir uns auch sagen, was uns beim anderen
Probleme macht. Aber eben nicht um den anderen herunter zu machen,
sondern um zu einem besseren Miteinander zu kommen. Wenn wir ins
Richten und Urteilen hinein kommen, dann läuft etwas falsch.
Luther hat einmal gesagt: „Es ist töricht, die zu richten, die von
Christus gerichtet werden sollen“ (Epistel Ausleg. S. 31, 1963). Es ist
wirklich töricht über den Brokkoli oder das Steak des anderen
richten zu wollen. Es gibt allein einen wahrhaften Richter: Gott
selbst. Und wir können uns mit aller Sicherheit darauf verlassen,
dass er ein gerechtes Urteil sprechen wird – über uns und
über die anderen – über Steak und über Brokkoli.
Darum: Fangt nicht immer wieder damit an, über andere zu richten.
Nicht das Steak oder der Brokkoli ist das Problem, sondern das
Verurteilen der anderen ist das Hauptproblem.
Es gilt für die einen: Esst euer Fleisch, gebt Gott die Ehre und
dankt für euer Steak!
Und für die anderen: Esst euer Gemüse, gebt Gott die Ehre und
dankt Gott für den Brokkoli!
Amen
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